Iran II: Neujahrsfest Nouruz in Kordestan

Nach viel Matsch und Schnee in unseren ersten Tagen im Nordwest-Iran fuhren wir am 20. März weiter Richtung Südosten, wo weitere Bergketten auf uns warteten.

Der Basar in Bukan

Für Besorgungen hielten wir in Bukan, einer bodenständigen, lebhaften Stadt mit einem angenehm untouristischen Basar. Wie auf den iranischen Basaren üblich, gab es in Bukan unendlich viele Gemüse- und Obststände sowie Läden für getrocknete Früchte, Nüsse, Gewürze und Honig. Das Fladenbrot war auf diesem Basar besonders lecker: Der Bäcker buk frische Lauchstücke hinein.

Anders als auf den Touristen-Basaren gab es jedoch das Fleisch nur von vor Ort geschlachteten Hühnern. Die Hühner wurden an den Basar-Ständen geköpft, gerupft und zerlegt. Unsere Kinder konnte ihre Augen nicht davon abwenden – in einer Mischung aus Schock und Faszination.

Das Neujahrsfest Nouruz

Nach dem Basar-Bummel fuhren wir weiter Richtung Zarriné-Stausee. Zum ersten Mal kauften wir auf dem Weg noch Holzscheite, um trotz des Holzmangels in den iranischen Bergen immer mal wieder ein Lagerfeuer machen zu können. Der Zarriné-Stausee liegt in der bergigen Provinz Kordestan im Nordwest-Iran, in der 1,5 Mio. der insgesamt 5 Mio. Kurden im Iran leben. Kurden sind mehrheitlich Sunniten, anders als etwa 90 Prozent der Muslime im Iran, die dem schiitischen Glauben angehören.

Es war der Vorabend des iranischen Neujahrsfests Nouruz, an dem vielerorts Freudenfeuer und Feuerwerke angezündet werden. Viele Menschen hatten sich dafür augenscheinlich herausgeputzt. Auf den Dorfplätzen waren die Vorbereitung in vollem Gange – es wurden Bühnen und Stühle aufgebaut und auch ein Funkenfeuer (aus Holz!) sahen wir.

Das Neujahrsfest Nouruz ist das wichtigste weltliche Fest im Iran. Seine Ursprünge gehen bis weit in die vor-islamische Zeit des Iran zurück und sind mit den zoroastrischen Vorstellungen der alljährlichen Wiedergeburt der Natur verbunden. Nouruz bestimmt den ersten Tag des iranischen Sonnenjahres und wird zum Frühlingsbeginn gefeiert. Fünf Tage lang haben im Iran alle Behörden geschlossen, zwei Wochen lang sind Schulferien. Fast alle Iraner sind in dieser Zeit auf Reisen: Teheran ist dann angeblich wunderbar leer, während sich die Iraner an ihren Lieblingsorten wie Isfahan und Shiraz tummeln. Nouruz wird auch von Kurden, Afghanen und den Völkern Zentralasiens gefeiert. Die Kurden (nicht nur im Iran) sehen Nouruz auch als Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung.

Nouruz im Bergdorf Pacheh Sur

Wir waren weiterhin auf der Suche nach etwas Ruhe und wollten dafür ein Plätzchen am Zarriné-Stausee finden. Nachdem wir schon mehrere Stunden einige Plätzchen angefahren (und für nicht passend erachtet) hatten, kamen wir auf dem Weg zu einem vielversprechenden Plätzchen durch das kleine Bergdorf Pacheh Sur, wo mehrere Bewohner unserem Pluto staunend nachsahen.

Nur wenig später kam uns Masoud aus dem Bergdorf auf dem Mofa hinterhergefahren. Er sprach etwas englisch und lud uns voller Begeisterung für den Abend zum Neujahrsfest mit einem Feuer in den Bergen und zum Abendessen ins Haus seiner Mutter ein. Nachdem wir mehrmals abgelehnt hatten, Masoud die Einladung aber weiter aussprach, nahmen wir diese dankend an. Nouruz in einer iranischen Familie zu erleben, interessierte uns. Um die Gastfreundschaft nicht überzustrapazieren, vereinbarten wir mit Masoud, dass wir Feuer und Abendessen gerne mit seiner Familie verbringen, danach aber im Dachzelt im Pluto schlafen würden. Mittlerweile erklärten wir immer, dass der Pluto im Moment nicht nur unser Auto, sondern auch unser Haus und Zuhause sei, in dem wir unglaublich gerne wohnen und schlafen.

Masoud kommt aus einer kurdischen Schäfer-Familie in Pacheh Sur. Seine Mutter Sarah hatte noch nie Europäer gesehen. Sie lebt in einem einfachen Haus zusammen mit zwei ihrer zwölf Kinder. Im Innenhof des Hauses und dem angrenzenden Stall tummeln sich die gut 40 Schafe, wenn diese von der Tagesweide zurückkehren. Masoud selbst promoviert in Isfahan in Klimatologie und war zum Nouruz-Fest zurück in sein Heimatdorf gekommen. Sarah und ihre Tochter Schaida empfingen uns begeistert und mit Tee. Dank Masouds englisch und Martins wenigen Worten türkisch (was der kurdischen Sprache ähnelt) konnten wir uns einigermaßen verständigen. Nach dem Tee durften wir miterleben, wie die Schafe ihre Abend-Fütterung bekamen.

Im Anschluss fuhren wir im Pluto auf den Dorf-Berg zum Nouruz-Feuer. Wir waren nicht überrascht, dass dort ein Reifen als Lagerfeuer angezündet wurde – nach all den Reifen-Feuern, die wir in den letzten Tagen entlang der Straßen gesehen hatten. Mit Leucht-Armbändern konnten wir etwas Unterhaltung für die Kinder beisteuern. Mehrere Leute aus dem Dorf kamen ans Feuer hinzu.

Auf dem kurzen Weg zum Abendessen zurück ins Dorf packte Martin den Pluto bis obenhin voll mit Dorfbewohnern und ihren Kindern. Zusammen mit ein paar Frauen genoss ich die Strecke zu Fuß durch die frühlingshafte Nacht.

Zum Abendessen waren wir dann zu unserer Überraschung nicht bei Masouds Familie zu Gast, sondern mit Masoud bei einer anderen kurdischen Schäferfamilie. Wir waren immer noch in matschigen Outdoor-Klamotten und die Gastgeber ließen uns ihr Bad nutzen. Martin zog sogar eine frische Hose an. Und ich durfte mein Kopftuch abzulegen, was mich trotz ungewaschener Haare sehr erleichterte.

Dann saßen wir in großer Runde auf dem Boden des Wohnzimmers und genossen Reis mit leckerer Kichererbsen-/ Lammfleisch-Soße und Ayran. Gleich nach dem Abendessen setzte sich der Herr des Hauses in eine andere Ecke des Wohnzimmers und begann laut zu singen. Wir waren begeistert und Martin stimmte ein „Laudate“ an. Es ging ein paarmal hin und her zwischen orientalischen und deutschen Klängen.

Als die Kinder vor Müdigkeit fast umfielen, dankten wir, fuhren mit dem Pluto zurück auf den Berg, auf dem wir auch das Nouruz-Feuer angezündet hatten, und genossen die nächtliche Ruhe zu viert. Am nächsten Morgen holte uns Masoud gleich morgens ab, damit wir vor unserer Weiterfahrt noch einmal bei seiner Familie vorbei schauten. Es gab Tee, Nouruz-Torte und viele warme, kurdisch-englische Worte. Wir waren wieder einmal beglückt und verdutzt von so viel Gastfreundschaft.

Ruhetage am Zarriné-Stausee

Wir fuhren weiter, um am nahegelegenen Zarriné-Stausee doch noch für ein paar Tage ein Ruheplätzchen zu finden. Und wir waren wahnsinnig froh und erleichtert, als wir im zweiten Anlauf einen herrlichen Stellplatz direkt am See fanden: flach ans Wasser heranreichender Sandstrand, kaum einsehbar, kein Dorf weit und breit und Ruhe. Sogar etwas Holz fanden wir.

Vor allem am ersten Tag trauten wir uns kaum, uns vom Plätzchen zu entfernen, so froh waren wir über die Ruhe. Wir genossen Sonnenstunden, sahen Flamingos an uns vorbeiziehen, Josefine baute Häuschen aus Stein und Holz, Martin packte Akkordeon und Angel aus und abends kochten wir auf dem Feuer und genossen den Mond.

Ich traute mich sogar, am Stausee einen Badetag ganz ohne lange Ärmel und Kopftuch einzulegen, so ruhig war es. Dabei war es oft noch windig und den Frühling bekamen wir nur ab und an zu spüren. Aber wir hatten drei Nächte lang nur uns vier – und das ist schon ein echtes Kunststück im Iran.

Gut erholt fuhren wir am 24. März weiter Richtung Isfahan.

3 Kommentare zu „Iran II: Neujahrsfest Nouruz in Kordestan

  1. Hallo Ihr Lieben,

    Ich freue mich von Euch zu hören, und auch schon auf die Lektüre, Nur muss ich jetzt los ins Eck…

    Seid gedrückt Olaf

    ___________________________

    Olaf Matthey +49 171 77 82 712 matthey@me.com

    >

    Liken

  2. Danke für den wieder sehr interessanten Bericht, Lena, und herzliche Grüße an Euch vier aus Hessenwinkel!
    Eisern!
    Achim

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s