Iran III: Schlaflos in Isfahan

Mit Sonne und ersten Frühlingsstrahlen im Gepäck machten wir uns am 24. März auf vom Zarriné-Stausee Richtung Isfahan. Nach dem Wetter der letzten Wochen hatten wir unsere geplante Route im Iran angepasst. Mit etwas Wehmut meinerseits entschlossen wir uns, nicht ins kalte Teheran, sondern direkt ins südlicher gelegene Isfahan zu fahren, um von dort aus durch die iranische Wüste weiter Richtung Turkmenistan zu reisen. Uns war bewusst, dass wir auf dem Weg nach Isfahan noch weitere Bergketten und Hochebenen durchqueren mussten.

Die verschneite Anreise nach Isfahan

Im Örtchen Divandarreh deckten wir uns mit Lebensmitteln für die nächsten (Fahr-) Tage ein und gingen Mittagessen. Wir fanden ein kleines Restaurant, in dem außer uns nur Iraner saßen. Da auch die Speisekarte komplett auf Farsi war, bestellten wir das gleiche wie die iranische Familie am Nebentisch – Salat, Fleischspieße, Reis und frisch gebackenes Brot. Es war ein Genuss!

Abends fanden wir nicht weit von der Straße an einem Bach ein recht schönes Plätzchen für die Nacht. Schon beim Hinfahren waren Weg und Boden nass und bald begann es zu schneien. Wir aßen wärmende Nudelsuppe vom Gas-Herd (wie so oft an diesen kühlen Transit-Tagen). Morgens waren wir eingeschneit. Als kleines Highlight sahen wir nach dem Frühstück auf einem Feld nicht weit von uns ein Rudel Wölfe vorbeiziehen.

Dann machten wir uns auf den Rückweg zur Hauptstraße. Wir probierten es entlang des mittlerweile völlig überfluteten Weges und sanken gleich etwas ein. Ich hatte die (wenig glorreiche) Idee, es eher am Feldrand zu probieren, wo es weniger zerfurcht und schräg aussah. Schnell blieben wir im Matsch stecken. Es gab ein paar kleine Bäume, aber nicht in der richtigen Richtung für die Seilwinde. So begannen wir wieder, uns freizuschaufeln. Ich fluchte und fror, ärgerte mich und wünschte mich ins Warme. Aber immerhin kamen wir voran und waren nach etwa zwei Stunden die paar Meter zurück an unserem Ausgangsplatz. Es schneite immer noch ununterbrochen. Glücklicherweise kamen wir auf dem Weg nun doch gut voran – anders als am Feldrand hatten wir hier irgendwo unter den Fluten Grip unter den Reifen. Ich hatte wieder etwas gelernt: Auch wenn die Fahrspuren zerfurcht und überflutet aussehen – lieber darauf fahren, denn irgendwo unten ist meist noch etwas Grip.

Auch auf der Hauptstraße lag Schnee. Wir sahen mehrere Unfälle, die glücklicherweise glimpflich ausgegangen waren – was bei dem iranischen Fahrstil, den überfüllten Autos ohne Gurte und der Schlitterpartie auf den Straßen ein kleines Wunder war. Ein Iraner sagte uns, dass das aktuelle Wetter doch ungewöhnlich kalt und nass sei für diese Jahreszeit. Und später hörten wir von Überflutungen im Süd-Iran, wo trockene Flussbetten als Straßen genutzt und durch die aktuellen Regenmassen tragischerweise völlig überspült wurden. Da waren unsere Matsch-Geschichten mehr als eine Kleinigkeit.

Die nächste Transit-Nacht verbrachten wir zwischen Hauptstraße und einem Stausee, immer weit genug vom Stausee entfernt, um nicht wieder im Matsch zu versinken. Es regnete weiter.

Begegnungen rund ums Hotel in Isfahan

In Isfahan war es gar nicht so einfach, während der Nouruz-Tage eine angenehme Unterkunft zu bekommen. Im schönen Hotel Ghasr Monshi konnten wir noch ein kleines Zimmer ergattern – wobei die Mitarbeiter bereits bei der telefonischen Reservierung sagten, dass es ziemlich un-deutsch sei, zu Nouruz so kurzfristig ein großes Zimmer buchen zu wollen.

Das familiengeführte Hotel Ghasr Monshi ist in einem historischen Haus um einen wunderschönen Innenhof eingerichtet worden und zentral in der Nähe des Basars gelegen. Unser Zimmer war allerdings recht klein und heiß, insbesondere nachts trotz offenem Fenster. Wir schliefen schlecht und sehnten uns nach dem Dachzelt im Pluto. Dennoch genossen wir das Hotel, den schönen Innenhof, das gute Restaurant mit persischem Essen und die Terrasse, auf der Martin und ich abends mit Babyphone unser alkoholfreies Bier tranken.

Josefine war hellauf begeistert vom Webstuhl, an dem in der Nähe des Frühstücksraums eine iranische Frau das alte Handwerk vollführte. Josefine war als Web-Helferin fest eingespannt. Balthasar gefiel besonders die persische Live-Musik während des Abendessens: Er tanzte und klatschte, staubte bei den Musikern Zuckerstangen ab und war im Glück.

Für mich war die Begegnung mit Niloo und zwei weiteren jungen Iranern aus Teheran auf unserer Hotel-Terrasse prägend. Zwei von ihnen hatten in Großbritannien studiert und alle drei wirkten wie junge Menschen, denen wir genauso in Berlin hätten begegnen können. Sie waren mit ihren Eltern während der Nouruz-Feiertage in Isfahan und anderen Städten im Iran unterwegs. Ich nehme an, sie stammten aus einer modernen Teheraner Mittelstands-Familie. Auf ihren Social Media-Bildern tragen sie kein Kopftuch und auch sonst waren ihre Schilderungen des Lebens im Iran geradezu erfrischend. Ich bedauerte noch einmal, dass wir Teheran in diesem Urlaub nicht besucht haben – dort hätten wir sicherlich mehr vom modernen Iran mitbekommen. Teheran möchte ich auf jeden Fall nachholen.

Kultur, Selfies und Kesh-Mesh in Isfahan

Das auf 1.575 Metern Höhe gelegene Isfahan gilt mit seinen unzähligen türkisfarbenen Kuppeln am Fußen des Berges Kuh-e Soffeh als eine der schönsten Städte im Mittleren Osten. Viele orientalische Stätten sind bis heute erhalten, was Isfahan den Ruf als Museum der islamischen Baukunst einbringt.

Das machte vor allem Josefine und mir großen Spaß. Für mich ist es eine Freude, dass Josefine mittlerweile alt und interessiert genug ist, um mit mir Moscheen und Kirchen zu besichtigen. Und Josefine liebt es, mich mithilfe eines deutschen Audio-Guides durch diese Orte zu führen. Am Großen Platz in Isfahan besichtigten wir unter anderem die Große Moschee und die kleinere, aber feinere Lotfollah-Moschee, die im 17. Jahrhundert als Privatmoschee für die Herrscherfamilie errichtet wurde.

Im südlich gelegenen Armenierviertel Jolfa besuchten wir unter anderem die Vank-Kathedrale. Die Armenier lebten traditionell im Nordwest-Iran. Ein Teil von ihnen wurde im 16. Jahrhundert vom Schah in den Zentral-Iran nach Jolfa nahe Isfahan deportiert, wo sie eine führende Rolle im Fernhandel einnahmen. Heute umfasst die armenische Gemeinde in Isfahan nur noch wenige tausend Menschen.

Auch zu viert liefen wir viele Stunden durch Isfahan, ohne die Stadt so richtig ins Herz zu schließen. Neben den kulturellen Highlights haben wir in Isfahan für unseren Geschmack zu wenige urige und authentische Orte entdeckt. Die unterschiedlichen Brücken über den größten iranischen Fluss Zayandeh Rud („der Leben spendende Fluss“) beeindruckten uns – und zeigten nochmal das Ausmaß der Überschwemmungen der letzten Wochen: Der während unseres Besuchs reißende Fluss ist eigentlich einen Großteil des Jahres ausgetrocknet.

Etwas getrübt war unser Aufenthalt in Isfahan durch das riesige Interesse und das abweichende Privatheitsverständnis vieler Iraner. Mit zwei blonden Kindern durch Isfahan zu laufen hieß für uns etwa 50 Selfies pro Tag mitzumachen. Auch kniffen wildfremde Personen den Kindern ständig in die Backen oder tätschelten sie, was beide überhaupt nicht witzig fanden. Sogar Balthasar mit seinen zweieinhalb Jahren sagte irgendwann, ohne etwas zu verstehen, auf die Fragen der Iraner erstmal „My name ist Balthasar“ und als nächstes mit einer abwehrenden Handbewegung „No photo“. Woran diese unterschiedlichen kulturellen Prägungen liegen und wie wir am Besten damit umgehen, haben wir in der Zeit im Iran nicht herausgefunden. Wir haben in allen Ländern vor und nach dem Iran freundliche und interessierte Menschen erlebt. Aber hier empfanden wir das Interesse öfter als einschränkend.

Martin war stolz, dass er es in Isfahan schaffte, Alkohol zu organisieren. Einerseits tat uns die staatlich verordnete Fastenzeit gut. Anderseits vermissten wir ein Feierabend-Bier gerade an anstrengenden Tagen doch sehr. Martin bekam mit Hilfe seines Taxifahrer-Kumpels tatsächlich eine Flasche „Number One Isfahan Kesh-Mesh“. Auch wenn wir nicht genau wussten, was für ein Schnaps es war, tranken wir ihn in genussvollen Schlücken.

Etwas früher als geplant packten wir am 29. März unsere Kisten in Isfahan zusammen. Tatsächlich sind Stadt-Aufenthalte für uns logistisch nicht ganz unaufwändig. Wir haben ja für das halbe Jahr jeder eine Kiste Klamotten/ Jacken/ Schuhe dabei (die Kinder eine zusammen). In den Städten schleppen wir diese drei nicht ganz kleinen Halbjahres-Kisten immer komplett ins Hotel – das bringt Martin und die Hotel-Helfer ins Schwitzen, aber alles andere wäre wenig praktisch und handlich.

Also luden wir unsere drei großen Kisten in Isfahan in den Pluto und fuhren weiter Richtung Osten und iranischer Wüste.

Ein Kommentar zu “Iran III: Schlaflos in Isfahan

  1. Auch wieder äußerst lesenswert, Lena! Und wie schon vor einer Stunde: Herzliche Grüße an Euch alle!
    Bleibt gesund und habt eine gute Zeit!
    Achim

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